Sonntag, 17. Mai 2009

Leberfleck

Seit letzten Mittwoch weiss ich es.
Die schlechte Nachricht: Auf dem Thorax CT ist in meiner Leber je nach Bickwinkel ein leicht dunkler Fleck sichtbar. Es handelt sich um eine Metastase, wie mir mein Onkologe D. zusammen mit der Ärztin E. erklärt und einfühlsam beigebracht hat. Diese Nachricht kommt an und trifft mich mitten ins Herz. Ich bin wütend und weine. Ganz spontan tröstet mich mein Onkologe. Ich habe mir so sehr gewünscht dass meine Organe noch lange verschont bleiben würden. Jetzt, nach zwei Jahren, findet sich ein Fleck, wo keiner hingehört. Ein unerwünschter Leber-Fleck. Nichts fiele mir leichter als diesen Fleck mittels Photoshop aus dem CT-Bild zu entfernen. Doch dieser Fleck lässt sich nicht so einfach weg retuschieren.
Für einmal wünsche und male ich mir in meiner Fantasie aus, dass die CT-Bilder versehentlich verwechselt worden sind und die abgebildete Leber überhaupt nicht die meine ist...
Am Montag beginne ich mit einer neuen Chemotherapie. Taxol wird mir wöchentlich, dreimal hintereinander verabreicht. Dann folgt eine Pause von einer Woche, damit sich meine Blutwerte erholen können. Dann beginnt das Ganze wieder von vorne. Meine Haare werde ich dieses Mal nicht verlieren, und ich hoffe, dass ganz viele sich teilende Krebszellen zerstört werden!

Die gute Nachricht: Meine Knochen sind nicht bruchgefährdet, wie die Röntgenaufnahmen ergeben haben. Und glücklicherweise sind meine Lungen noch metastasenfrei! Nichts hält mich also davon ab, weiterhin durch die Natur zu joggen und dadurch meine Bodenhaftung zurück zu gewinnen!






Sonntag, 10. Mai 2009

Von Pusteblumen und anderen Blumen

Diese Woche kam meine Freundin P. aus den Ferien in Vietnam zurück. Ich machte ihr einen Nachmittagsbesuch und brachte ihr einen kleinen Blumenstrauss. Trotz ihrer Erkrankung in Vietnam, sie musste sogar einige Tage im Spital in Saigon verbringen, fand sie Zeit für mich Grüntee aus dem fernen Osten zu besorgen und mich damit zu beschenken, was mich riesig gefreut hat! (Sie weiss von meiner Vorliebe für Grüntee und brachte mir schon aus Japan den wunderbarsten Grüntee mit.) Dieses Mal Grüntee mit Jasmin-geschmack und ein ganzes Packet voller Teeblumen. Nach dem Aufgiessen öffnet sich die Teekugel mit Blüte und entfaltet ihr volles und reiches Aroma.

Wir verbrachten zusammen einen wunderschönen Nachmittag. Das war mein Blumenhighlight dieser Woche. Tags darauf das Blumenerlebnis der traurigen Art!

Die Resultate meiner Untersuchungen von letzter Woche zeigten, dass sich auf meinem Skelett die Metastasen erneut gestreut und ausgebreitet haben, als hätte ich in ein Feld von Pusteblumen geblasen. Pusteblumen überall, verdammt noch mal, als gäbe es nur Pustelblumen auf dieser, meiner Welt!
Dazu kommt, dass meine Knochen durch die Metastasierung bruchgefährdet sein könnten – aber hallo, vor zwei Wochen lief ich doch meinen ersten Marathon!
Mein Strahlen (siehe letzten blog) ist zumindest vorübergehend verblasst. Die Resultate haben viel Licht ins Dunkle gebracht. Mehr als mir lieb ist. Vieles geht mir durch den Kopf – eine erneute Chemotherapie ist unausweichlich, aber auch meine grosse Chance Zeit zu gewinnen.
Im Moment schaukle ich wie eine Teeblüte orientierungslos der Bewegung des Wassers folgend über die Oberfläche und drehe mich dabei um meine eigene Achse ohne vorwärts zu kommen. Ich habe meine Bodenhaftung verloren!






Sonntag, 3. Mai 2009

Strahlen

Am letzten Sonntag brachten mich meine Leistungen zum Strahlen (Blog vom 26. April 2009). Die Ausschüttung an Glückshormonen war unübersehbar!

Am Montag strahle ich noch immer über das ganze Gesicht, als ich mich für die angeordnete Abdomen-Computertomographie ins Triemlispital begebe. Der Inhalt des Fläschchens Telebrix zirkuliert bereits seit Sonntagabend in meinem Kreislauf und mit dem zusätzlich injizierten Kontrastmittel beginne ich sozusagen aus dem Innern meiner Selbst zu strahlen.
Die nach aussen austretende Strahlung wird mit speziellen Kameras erfasst und von Computern in Bilder umgerechnet. Am Ende der Untersuchung steht das Resultat nicht fest. Keine Entwarnung, rein gar nichts. Dieses Mal verlasse ich den Untersuchungsraum ohne Grobdiagnose! Scheissgefühl.

Am Dienstag begebe ich mich erneut ins Triemli für eine Knochenszintigraphie. Zwei Stunden vor der Szintigraphie wird mir eine markierte Kontrollsubstanz in die Armvene gespritzt. Sie reichert sich in den Knochen und Gewebe an. Ich strahle schon wieder und/oder sende Strahlen aus! Die Radionuklide senden Gamma-Strahlen aus, die mit einer Gamma-Kamera registriert werden. Krebszellen weisen eine höhere Aktivität aus, lagern mehr Radionuklide ein, senden deshalb mehr Gamma-Strahlen aus. Dies wird im Szintigramm sichtbar (Metastasen = hohe Dichte von Gammastrahlen; schwarzer Fleck = Metastase)
Nach der Untersuchung gibt mir der zuständige Arzt anhand der neuen und alten Bilder eine Grobdiagnose. Die schwarzen Flecken haben sich laut Dr. H. wieder verdichtet und ausgebreitet. Die Krebszellen sind wieder aktiv.
Für seine Offenheit bin ich ihm dankbar. Ich bin über das Resultat nicht sehr erschüttert, denn es war irgendwie zu erwarten. War da nicht bereits mein hopsender, spezifisch-unpezifischer Freund mit dem Namen Tumormarker ein Vorbote!? Jetzt warte ich erst mal das Gespräch mit meinem Onkologen ab und strahle mindestens radioaktiv weiter...






Sonntag, 26. April 2009

Zürich-Marathon

Just do it!
Ich habe es geschafft und bin meinen ersten Marathon in 04:21:15 gelaufen. Dafür benötigte ich zwei Schmerztabletten, viel Wasser, einige Affenbrötchen (Bananenstücke) und mentale Stärke!
Meine übrigen Medikamentencocktails sind ja auch nicht ohne und so stelle ich mir die Frage: Gelte ich nun als gedopte Hobbyläuferin?
Meine FreundInnen und mein Coach (= mein Liebster) sowie auch das begeisterte Publikum haben mich auf der ganzen Marathonstrecke von 42.195 Kilometern lautstark unterstützt!
Mit viel Spass und Freude bin ich schliesslich über die Ziellinie gelaufen, wo mich mein Coach in die Arme schloss und meine Freundin Maya mir, der schnellsten Krebsläuferin Zürichs, ein Siegerinnensträusschen überreichte!
 
Foto: M. Burtscher






Sonntag, 19. April 2009

Bobster

Letzten Dienstag war es endlich Zeit für eine langersehnte Perle. „Bob Dylan and his Band!“ in Basel. Nachdem unser Freund Werner uns ein wunderbares japanisches Abendessen zubereitet hatte, besuchten wir alle zusammen das Bobsterkonzert.
In bester Erinnerung blieb mir sein Konzert vor zwei Jahren in Zürich. Damals war ich mitten in der Chemo, aber nichts sollte mich davon abhalten dieses Konzert zu besuchen. Am Nachmittag legte ich mich zu Bett, um meine Kräfte für den Abend zu bündeln. Kurz vor Konzertbesuch nahm ich meine Medikamente, setzte mir meine Neupogenspritze in den Oberschenkel. Das Abenteuer konnte beginnen! Zur Zugabe zog ich meinen erstaunten Mann zum Bühnenrand, wo wir in der Menschenmasse die Musik ganz nah und intensiv miterlebten. An diesem Abend beschloss ich, noch viele weitere B.D. Konzerte zu erleben.

Nun sitzen wir auf unseren Spitzenplätzen in der ersten Reihe. Als die Musiker ihre Plätze auf der Bühne beziehen, hält uns nichts mehr auf unserer Poleposition. Wir stürmen zur Bühnenabschrankung mit freier Sicht auf Bob Dylan und seine Band. So nahe dran waren wir noch nie! Was für eine Atmosphäre! Ich bin immer in Bewegung, wippe und rocke mit. Bobster an der E-Orgel mit Mundharmonikaeinlagen. Seine Stimme mutiert zu einem zusätzlichen Musikinstrument, welches mal eckig, kantig, brüchig und immer wieder überraschend anders klingt. Hin und wieder huscht da und dort ein Lächeln über die Gesichter. Die Musiker haben Spass! Ein bisschen neidisch beobachte ich zwischendurch die Fenders, Gretschs, Rickenbackers der Gitarristen!
Zwei Stunden und eine Schmerztablette später klingt die Musik noch immer in meinen Knochen...
Auf bald, bis die Never Ending Tour wiederkehrt!






Sonntag, 12. April 2009

Lebenslänglich

Nicht immer fällt es mir leicht, bis an mein Lebensende unter medizinischer Kontrolle zu stehen, obwohl ich weiss, dass dies alles nur zu meinem Besten geschieht. Manchmal bin ich ziemlich „stinkig“ gelaunt, wenn ein Besuchstermin im Ambulatorium ansteht.
Im Ambulatorium begegne ich Frauen mit den unterschiedlichsten Kankheitsgeschichten. Frauen, denen ich vielleicht nur einmal begegne, anderen begegne ich immer wieder. Sie sind wie ich lebenslänglich unter medizinischer Betreuung.
Die Solidarität unter diesen Frauen ist gross und berührt mich sehr. Auch letztes Mal bin ich einer Patientin wieder begegnet, die ich von früheren Ambibesuchen her kenne. Ich habe sie beinahe nicht mehr erkannt: sie ist sichtlich von der Krankheit gezeichnet, ihr jetziger Zustand ist akut. Sie erzählte mir, dass sie mit ihrer Familie und den ÄrztInnenen beschlossen habe, keine Therapien mehr zu machen. Sie sei nun bereit, den Weg zu Ende zu gehen. Die Schmerzen seien mittlerweile das Schlimmste, aber glücklicherweise könne man ihnen mit Medikamenten entgegen wirken. Ich war ergriffen, wie ruhig sie war, als sie mit mir über das unausweichliche Ende sprach. Für meine bevorstehenden Untersuchungen fand sie trotz allem aufmunternde Worte.
Wir haben uns mit einem herzlichen Händedruck voneinander verabschiedet, vielleicht werden wir uns nie mehr wiedersehen.
Tief in meinem Herzen gräbt sich diese wertvolle Begegnung ein. Es sind die kleinen Begebenheiten, die mich lehren weiterzugehen.






Sonntag, 5. April 2009

Komplimente

Kein Tag vergeht, ohne dass mir mein Mann ein Kompliment macht, was mich immer sehr freut. Auch Freundinnen finden immer einen Anlass, um mir ein Kompliment zu machen. Diese Woche muss ich besonders gut ausgesehen haben, denn unabhängig voneinander haben mir zwei Freundinnen gesagt, dass ich „richtig gut aussehe!“
Liegt es am Frühlingserwachen oder etwa daran, dass ich seit meiner Diagnose versuche ein stressfreies Leben zu führen? Vielleicht hoffe ich, dass ich mit meinem Strahlen und guten Aussehen meinen erhöhten Tumormarker auf eine vernünftige Höhe absenken kann...

Ich frage mich, ob ich, unheilbar an Krebs erkrankt, zu 50% krank geschrieben, mit IV-Ausweis, überhaupt „umwerfend gut“ aussehen darf. Aber warum eigentlich nicht? Ich für meinen Teil ertrage meine Schmerzen um einiges besser, wenn ich mit erhobenem Haupt und mit einem Lächeln im Gesicht durch das Leben ziehe.
Ich geniesse es, dass mir zur Zeit äusserlich die Krankheit nicht anzusehen ist. Ich weiss es zu schätzen, wenn mir mein Liebster und meine Freundinnen und Freunde diesbezüglich Komplimente machen. Es ist ganz normal, dass ich manchmal gut oder schlecht aussehe, wie eben gesunde Menschen auch.

Also: Heute mache ich meinem Liebsten und meinen FreundInnen ein dickes Kompliment dafür, dass Sie mit ihren Komplimenten jeweils ein Stück Normalität in mein Leben zaubern.