Sonntag, 17. Juli 2011

Es geht weiter

Täglich pilgere ich zu unterschiedlichsten Zeiten in die Klinik für Radioklinik und Nuklearmedizin des Triemlispitals, um mich strahlentherapeutisch behandeln zu lassen.
Ich fühle mich sehr gut aufgehoben und umsichtig freundlich betreut!

Während ich in dieser Woche ungeahnte Kräfte freisetzen kann, muss ich jedoch immer wieder erfahren, dass mein Körper an seine Grenzen stösst. Er lässt mich nicht nur körperlich straucheln, sondern auch mental.
Wenn meine Freunde fragen, wie sich meine Situation geändert hat, setzt sich in meinem Hals ein kleiner Kloss fest. Er lässt meine Stimme vorübergehend versiegen, meine Augen verschleiern sich mit Augenwasser...

Zu Beginn der Woche sitze ich im Atelier meiner Freundin P.R. Sie zeigt mir ihre Arbeit an der diesjährigen Biennale in Venedig. Da segelt ein MRI-Hirn durch den Himmel einer Vedute von Venedig, der Himmel vergrössert sich und die Phantasie breitet sich aus! Eine beflügelnde Aussicht für mein Kleinhirn in Nöten...

Am Ende der Woche besuche ich zusammen mit meinen Freundinnen I.M. und D.H. die Ausstellung "Rosenstrumpf und dornencknie" im Medizinhistorischen Museum Zürich. Gezeigt werden Werke aus der Psychiatrischen Pflegeanstalt Rheinau 1867-1930. Ein Hutobjekt von Lisette H., gestrickt aus Seegras, gefällt mir besonders gut. Es erinnert mich an mein Auffangnetz, das mein Liebster und meine Freundinnen in diesen schwierigen Zeiten schützend um mich spinnen, um mit mir zusammen den ungewissen Pfad entlang zu schreiten...
Während der Bestrahlung sitzen sie in der Überwachungszentrale und beobachten das Geschehen, das sich für mich täglich wiederholt. Auch als eine notfallmässige Laboruntersuchung vorgenommen wird, bleiben alle drei begleitend an meiner Seite, bis ich schliesslich mit einer erhöhten Medikamentendosierung ins Wochenende entlassen werde...

Die kulinarischen Aufmerksamkeiten dieser Woche erfreuen unsere Gaumen: die Caramel mit Trüffeln von E.B., die selbst gebackenen Hexenfinger von C.St. (auf dass sie hexen!) und die Hühnerbouillon mit Ravioli von B.L. gestern Samstagabend... Herzlichen Dank!





qq

Sonntag, 10. Juli 2011

Kleinhirn in Nöten

Am Donnerstagnachmittag liege ich beweglos mit Gehörschutzstöpseln versehen während einer guten halben Stunde auf einer Liege. Die ohrenbetäubenden klopfenden Geräusche des Magnetresonanztomografen dringen trotzdem in meinen Gehörgang. Meine Hände ruhen auf der Bauchdecke und ich nehme die pochende Bauchschlagader wahr. Mein Herz hämmert aufgeregt im Takt der klopfenden Geräusche...

Am folgenden Morgen klingelt das Telefon. Als ich die Stimme meiner Onkologin Frau St. vernehme, ahne ich nicht Gutes! Kompetent und auf eine gute Art und Weise klärt sie mich über die schlechten Untersuchungsrgebnisse meines Hirn-MRIs vom Donnerstag auf.
In meinem Kleinhirn haben sich nun doch Metastasen gebildet. Einmal mehr kullert mir das Wort Scheisse aus dem Mund! Meine Ärztin meint, jeder weitere Tag ohne therapeutische Gegenmassnahme sei einer zuviel!
Mit meinem Liebsten (er hat sich extra von der Arbeit freigemacht) sitze ich schon am Mittag meinem Careteam aus der Frauenklinik Maternité gegenüber. Wir werden über die Situation genau aufgeklärt. Unsere Fragen werden beantwortet und das weitere Vorgehen wird besprochen.


 
 

Die MRI-Bilder sind mehr als nur beeindruckend. Meine Metastasen sind in allen unterschiedlichen Bilddarstellungen unübersehbar. Sie bringen mein Kleinhirn in Bedrängnis.
Einmal mehr bin ich ein Notfall! Meine Chemotherapie mit Xeloda wird vorübergehend unterbrochen und ich werde neu mit "Vollmondgesicht"-Tabletten versorgt. Sie haben entzündungshemmende Wirkungen gegen unliebsame Nebenwirkungen der Bestrahlung. Meine Kleinhirn-Metastasen werden bereits am späten Nachmittag erstmals bestrahlt.


 
 

Ich bin traurig. Es beschäftigt mich sehr, dass die Metastasen nun auch in meinem Kleinhirn zu wachsen begonnen haben! Das Kleinhirn ist unter anderem für die Feinabstimmung und Koordination von Bewegungsabläufen zuständig. Im Schädel ist nun wirklich kein Platz für unliebsame Krebszellen, die mein Kleinhirn einfach gesagt zusammenquetschen!
Ich hoffe, dass sich die Metastasen nach insgesamt zehn Bestrahlungssitzungen verkrümeln werden. Ich hoffe, dass mein Kleinhirn danach seinen Platz wieder zurückerobert. Erst wenn auf den neuen MRI-Bildern "nichts" mehr zu sehen ist, kann ich mich glücklich schätzen und meine schwindelerregenden Zustände gehören der Vergangenheit an!
Obwohl ich mir im Klaren bin, dass sich die Krebszellen wie Schläfer verhalten und irgendwann wieder aufwachen werden...

Cogito ergo sum — Ich denke also bin ich (noch?) (René Descartes)
Alle Fotos: B.Zgraggen





Samstag, 2. Juli 2011

Schwindelerregend

Als wir am späten Samstagnachmittag im Hotel Hyatt Regency in Mainz einchecken wollen, ist unser Zimmer leider noch nicht bezugsbereit! Bei einem Getränk auf Kosten des Hauses machen wir es uns in der Lounge gemütlich und warten.
Plötzlich fährt ein schwarzer Bus mit der silbergrauen Beschriftung BEAT THE STREET vor den Eingang des Hotels. Bei der Rezeption macht sich eine erhöhte Geschäftigkeit breit...
Könnte es sich um einen Tourbus von Bob Dylan und seiner Entourage handeln? Einen Blick auf Bob würde uns über den verspäteten Zimmerbezug in der Edelherberge hinwegtrösten...

Nach 40 Minuten beziehen wir dann endlich unser Zimmer "mit Sicht auf den Rhein". Der wartende Bus steht noch immer vor dem Hoteleingang, direkt unter unserem Fenster. Während wir nun geduldig auf unser Handgepäck warten, beobachten wir, wie die Hotelboys mit grossen Handwagen Kofferberge zum Bus karren. Dann werden alle Lucken geschlossen und der Bus rollt davon.
Nun findet schliesslich auch unser Gepäck den Weg ins Zimmer.

Eine Stunde vor Konzertbeginn warten wir zusammen mit vielen anderen BesucherInnen eng aneinanderstehend auf den Auftritt des alten Herrn und seiner Band. Schmerztabletten hatte ich bereits im Vorfeld eingenommen.
An meinen Liebsten gelehnt und oft auf Zehenspitzen stehend erlebe ich einen entspannten und gut gelaunten Bob Dylan. Mit seiner Band spielt er sich während zweier Stunden durch Stücke aus den verschiedensten Werkepochen.
Und mit einer sehr schrägen und ganz tollen Version von "Blowing in the Wind" entlässt er uns in die Dämmerung. Seine Band stellt er diesmal nicht vor, dafür verneigen sich am Schluss alle brav vor dem Publikum und Bob lüftet kurz seinen schwarzen Hut.
Dann stolpere ich am Arm meines Mannes - leicht schwindlig - über die Wiese. Vor unseren Augen rollt ein schwarzer BEAT THE STREET-Tourbus mit abgedunkelten Scheiben langsam vom Konzertgelände!
Also doch...

Ist B.D. nun drin oder nicht!? Mainz 2011






Freitag, 24. Juni 2011

Nach Lust und Laune

Als ich diese Woche meinen ersten Chemotherapie-Zyklus mit Xeloda beendete, freute ich mich voller Tatendrang auf die bevorstehende einwöchige Tablettenpause.
Doch es kam anders. In den ersten Tagen der Woche lag ich von Übelkeit geplagt und mit roten Handinnenseiten (Hand-Syndrom) tatenlos im Bett.
Mit der Einnahme von Xeloda hatte sich eine alte Bekannte, die Appetitlosigkeit, zurückgemeldet.
Ungeachtet dieser Kehrtwendung versuchte ich einem erneuten Gewichtsverlust entgegen zu wirken.
Ich stand mehrmals in der Küche und durchforstete den Vorrat nach Zutaten, mit denen ich mir nach Lust und Laune verschiedene kleinere Mahlzeiten zubereitete. Eine Fidelisuppe serviert mit einem Stück Zwieback, Kravättliteigwaren an Olivenöl mit frischem Parmesan, Griesspudding mit Vanillegeschmack und vieles andere.
So konnte ich vorübergehend meinen geringen Appetit häppchenweise bei Laune halten...

Zu meiner Freude zeigte das Herzecho am Ende dieser Woche, dass mein Herz weiterhin unverändert, sozusagen gut gelaunt, von Herzecho zu Herzecho und von Chemotherapie zu Chemotherapie weiterpocht...
Voller Vorfreude auf das Wochenende lasse ich es nun zusätzlich hopsen und laut pochen, denn gemeinsam mit meinem Liebsten werde ich mein viertes "Bobster"-Konzert in Folge seit meinem Schwur von 2007 besuchen! (siehe blog vom 20. Juni 2010)






Sonntag, 19. Juni 2011

Mental

Schon während der ganzen Woche freute ich mich darauf, am Samstag in Begleitung zweier Freundinnen am Wylandlauf des Züri-Laufcups teilzunehmen.

Als dann der Samstag kam, waren die Wetterverhältnisse dann aber alles andere als ideal. Es regnete und regnete...
Doch hartnäckig wie ich nun mal bin, hatte sich in meinem Kopf die Teilnahme am Lauf bereits fest eingeschrieben. Mein Entschluss war unumstösslich, selbst bei diesen Wetterverhältnissen an den Start zu gehen!

Meiner momentanen körperlichen Leistung entsprechend startete ich im letzten Drittel des Feldes. Die Strecke führte mich über Feld-, Wiesen- und Waldwege durch eine zauberhafte Landschaft. Nach 1 Stunde und 27 Minuten erreichte ich das Ziel, lautstark angefeuert von meinen Freundinnen.

Ich muss gestehen: nicht mehr viele LäuferInnen liefen nach mir ins Ziel ein. Im Klassement endete mein Lauf da wo er begann: im letzten Drittel des Feldes! Als Läuferin bin ich damit natürlich nicht zufrieden. Als Krebskranke hingegen freue ich mich riesig darüber, dass ich - trotz neuer Chemotherapie - einen Lauf von über 14 Kilometern absolvieren und beenden konnte.

Ich stelle fest, dass meine momentane körperliche Leistungsfähigkeit reduziert, dafür meine mentale Stärke ungebrochen und verlässlich ist. Sie ist es, die mich im Moment durch das medikamentöse Jammertal einer Chemotherapie trägt...






Sonntag, 12. Juni 2011

Ein anderer Notfall

Die neue Chemotherapie Xeloda kümmert sich seit dieser Woche täglich um meine bösen Krebszellen während ich mich um meine körperliche Fitness bemühe. Nach einer dreiwöchigen Zwangspause habe ich bereits wieder zwei Trainingseinheiten mit viel Freude absolviert. Ich habe ein Stück Freiheit zurückgewonnen. Mein Körper erholt sich langsam vom Zusammenbruch und mir scheint nachhinein, als wäre alles nur ein böser Traum gewesen...
Trotzdem ist mir bewusst, dass auch diese Chemotherapie kein einfacher Spaziergang werden wird!

Nach meinem zweiten Trainingslauf heute werde ich nicht wie versprochen von meinem Liebsten zu Hause erwartet. Ich mache mir Sorgen, denn er hat früh morgens das Haus verlassen, um in unserem Garten "ganz kurz und schnell" einige Arbeiten zu verrichten.
Auf meinem Mobil erwartet mich statt dessen eine SMS:
"Auf dem Weg in den Triemli Notfall. Schnipsel vom Fingerbeeri weg. Blutet."

Bin ich froh, als er bald wieder nach Hause kommt! Ein kleiner Teil seines Daumens ist weg und wird nun kompostiert, wie er meint. Ich bin beeindruckt über die vielen Tabletten, die er in der nächsten Tagen schlucken muss. Ich habe Konkurrenz bekommen. Jetzt ist es an mir meinen Liebsten zu umsorgen.





Sonntag, 5. Juni 2011

Zulegen

Im Radiologiebefund meiner CT-Untersuchung von letzter Woche steht unter anderem folgende Beurteilung:
... zeigt sich eine deutliche Grössenprogredienz der bekannten Metastase (21 mm) im Lebersegment IVb. Deutliche Zunahme der Sklerosierungszone im gesamten Skelett, vereinbar mit einer wahrscheinlichen Progredienz der Skelettmetastasierung oder auch therapiebedingt möglich...
Ungeachtet meiner aktuellen Therapien scheint sich meine Lebermetastase bestens entwickelt zu haben. 21 mm! So viel an Grösse zugelegt hat sie bisher noch nie!

Meine Onkologin Frau Dr. St. empfiehlt mir eine Chemotherapie Namens Xeloda. Sie erhofft damit, dass die Lebermetastase sich wieder zurückbildet und die Krebszellen erfolgreich zerstört werden können.
Xeloda ist ein oral verabreichtes, gezielt wirkendes Zytostatikum. Im Inneren der Krebszellen wird Xeloda in den Wirkstoff 5-FU (5-Fluorouracil) umgewandelt. Der soll dann die bösen Zellen abtöten. So wird eine Schädigung gesunder Zellen vermindert. Die Tabletten werden zu Hause eingenommen und die Zahl der Spitalbesuche hält sich in annehmbaren Grenzen. Das stimmt mich positiv!
Ohne Verzögerung hätte ich am liebsten gleich mit der neuen Chemotherapie begonnen. Mein Care-Team wünscht sich aber vor Therapiebeginn eine Gewichtszunahme von mindestens 2 kg!
Mit Hilfe eines Medikamentes sollte ich nun bis zu meinem nächsten Spitaltermin am kommenden Dienstag problemlos dieses Gewicht zulegen (oder vielmehr anfressen...).
So torkle ich seit einer Woche schlemmend in einem Kohlen-hydratmischmasch und einem Geschmacks-Feuerwerk meiner neuen Chemotherapie entgegen...