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Sonntag, 1. August 2010

Schmerzegal

Nach der Fahrt durch die Röhre ist kein Weisskittel vor Ort, der mich mit einer Grobdiagnose aus dem Untergeschoss des Stadtspitals Triemli entlässt. Ein weiteres Mal muss ich mich in Geduld üben, bis ich in zwei Wochen in der Onkologie-Sprechstunde das Ergebnis der CT-Untersuchung erfahren werde. Während dieser zermürbenden Zeit des Wartens sitzt mir meine alte Bekannte, "die Angst", wieder einmal unermüdlich im Nacken. Manchmal kommt sie winzig klein, manchmal überdimensioniert gross daher. Sie haftet wie eine Klette an mir. Durch Anwendung meiner beiden Schmerz-Strategien versuche ich sie mir vom Hals zu schaffen:
Die Sport-Strategie
Ich absolviere, wann immer möglich, meine regelmässigen Lauftrainings. Die sportliche Tätigkeit in der Natur ist Balsam für meine Seele. Dabei wird die Kalziumproduktion angeregt und meine Klapperknochen werden ausreichend mit lebenswichtigen Stoffen versorgt. Zudem schüttet mein Hirn massenhaft Glückshormone aus, welche die Angst vorübergehend im Keime ersticken. Beim Schwimmen tauche ich ab und die Angst geht buchstäblich baden...
Die Fleiss-Strategie
Ich entwickle ungeahnte Energien und bin richtig fleissig. Die Angst ignorierend sitze ich am Arbeitstisch bis mich der Schmerz beinahe vom Stuhl kippen lässt...

In diesem Sinne übe ich mich in diesen Tagen weiterhin in strategischer Geduld...

Ich Fuss voran in der Röhre, 26.07.2010!






Sonntag, 23. Mai 2010

Knochenkitt

Letzte Woche schmerzten meine Knochen so sehr, dass ich mir nichts sehnlichster wünschte, als meinen intravenösen "Knochenkitt" (Zometa) zu erhalten. In der Wirbelsäule, in der Hüfte und in den Beinen tobte sich der Schmerz aus. Schmerzgesteuert bewegte ich mich durch den Alltag und muss dabei sehr alt ausgesehen haben!
Zähneknirschend verzichtete ich auf meine Lauftrainings. Wie schon so oft halfen mir weisse Tabletten den Schmerz zu unterdrücken.
Doch meine Knochen und ich schrien förmlich nach den Bisphosphonaten, die zur erhöhten Knochendichte beitragen und auch ein Schutzschild gegen die aggressiven Krebszellen bilden sollen...

Endlich. Am Dienstag war es soweit, der "Knochenkitt" tropfte via Port in mein Kreislaufsystem.

Meine Onkologin meinte, sie würde sich eigentlich schon lange darüber wundern, dass ich mit diesen Knochen überhaupt noch in der Lage sei, meine Lauftrainings zu absolvieren...
Diese Äusserung will ich als Kompliment verstehen und mir im Moment zu meinen Klapperknochen keine weiteren Gedanken und Sorgen machen. Vielmehr freue mich über die positive Nachricht, dass mein TM um weitere 19 Punkte gesunken ist!


Einen Tag nachdem ich die Medikamente erhalten habe, fühle ich mich sehr klapprig und die Knochen schmerzen noch immer. Bis mir meine Gelenke endlich wieder gehorchen und die Nebenwirkungen abgeklungen sind, werde ich mich noch einige Tage in Geduld üben müssen...







Sonntag, 8. November 2009

Somewhere Over the Rainbow

Nach vier Reisewochen bin ich nun wieder zu Hause.
Die Magenverstimmung vom letzten Sonntag ist mehr als hartnäckig. Während der dreizehnstündigen Flugreise von Tokyo nach Zürich verhielt sie sich aber glücklicherweise ruhig. Doch einige Stunden nach meiner Ankunft hielt ich mich schliesslich würgend an der Kloschüssel fest.
Meinem Magen schien das Ende der Reise nicht gut zu bekommen. Auch am Tag nach der Ankunft hielt ich meinen Kopf wieder über die Kloschüssel.
Sind es die Schmerztabletten, die Hormonblocker? Ist es das ungewohnte Essen (dann hätte ich aber schon zu Beginn der Reise...)? Sind es meine lästigen Krebszellen?
Ich bin mir sicher, dass es sich nur um einen Erschöpfungszustand meines Körpers handeln kann und ich mich nach einer Erholungsphase bald wieder besser fühlen werde. Nach vier Wochen habe ich die Grenzen meiner körperlichen Leistungsfähigkeit erreicht. Immer noch freue ich mich trotz Magenverstimmung und vermehrten Rückenschmerzen über jeden Moment dieser wunderbaren Reise, eine Zeit ohne Krankenhaustermin. Keine einzelne Sekunde, Minute, Stunde und keinen Tag möchte ich missen.
Ich hoffe, dass ich alle diese schönen Momente in schlechten Zeiten abrufen kann, um mich daran zu erfreuen und zu stärken.
Nach einer fünfwöchigen Krankenhauspause beginnt nun am Montag für mich wieder der Therapiealltag, der mir hoffentlich wie bisher eine gute Lebensqualität beschert...

An dieser Stelle THANKS für die vielen Willkommens-SMS und Telefonanrufe. Es hat mich sehr gefreut, liebe Freunde!






Sonntag, 6. September 2009

Schmerzen

Es gibt Tage, die sind ziemlich anstrengend. Dann, wenn körperliche und seelische Schmerzen meinen Tagesablauf bestimmen. Heute war wieder einmal ein solcher Tag, an dem ich mit Schmerzen aufgewacht bin. In den Knochen lodert der Schmerz in kleinen Intervallen auf und breitet sich dann aus. Wie sich meine Schmerzen ausbreiten, lässt sich auf eine wunderbare Art und Weise visuell nachvollziehen: Indem man beide Augen fest zusammenkneift und verfolgt, wie sich die farbenen Flecken aus der Finsternis ausdehnen und zurückbilden, um sich erneut zu formieren und auszubreiten...
Der körperliche Schmerz ist ein ständiges Kommen und Gehen. Mit Schmerzmitteln versuche ich diesen zu unterdrücken, was nicht immer gelingt. Dann fühle ich mich wie heute ziemlich mies, machtlos und ferngesteuert.
Je länger meine Chemotherapie andauert, umso mehr habe ich das Gefühl, körperlich reduziert leistungsfähig zu sein. In meinen Beinen steckt die Müdigkeit wie Blei. Mein Kopf hingegen denkt und lenkt ohne Müdigkeit. So absolviere ich weiterhin kleine Lauftrainings. Abwechslungsweise mal joggend, mal gehend. Heute war ich mit meinem Mann zusammen unterwegs. Er passt sich liebevoll meinem Schneckentempo an und ist im richtigen Moment mein unersetzlicher Motivator!
Am diesjährigen Greifenseelauf werde ich vernünftigerweise nicht teilnehmen. Natürlich trifft das mein Ego – und meine Seele – aufs schmerzlichste, wenn ich an meine Glanzleistung vom vergangenen Jahr zurückdenke!
Bestimmt sieht nächsten Sonntag aber alles wieder ganz anders aus. Denn ich hoffe, dass ich nach einer chemofreien Woche erholt und mit weniger Schmerzen am bloggen bin!

Wenn Bob Dylan seine Stimme einem Satelliten-Navigationssystem leihen wird, stellt er sich seine Anweisungen so vor: „Bei der nächsten Strasse links. Nein, rechts. Weisst du was? Fahr einfach gerade aus.“ Solche Anweisungen würden meinen Schmerzen bestimmt gefallen...






Sonntag, 7. Juni 2009

Lesen und planen mit Schmerzen

Am Dienstag kriegte ich meine dritte Taxol Infusion. Die zwei nächsten Tage war ich richtig hyperaktiv und am Freitag war ich matt und geschafft. Schlaff ist der treffende Ausdruck dafür. Die Knochen schmerzen sehr. Ein stechender Schmerz, als würden sie da und dort atmen. So verbrachte ich Freitag und Samstag im Schlampenlook lesend und schlafend zu Hause.
Diese Woche wählte ich mir das Buch SO SCHÖN WIE HIER KANNS IM HIMMEL GAR NICHT SEIN! Der umtriebige Küstler Christoph Schlingensief schildert in seinem Tagebuch eindrücklich Umgang und Erfahrungen mit seiner Krebserkrankung.
Seine Protokolle sind erfrischend, unmittelbar und manchmal auch sehr traurig. Ich bin begeistert vom Buch! Folgendes Zitat gefällt mir besonders gut: “Ich habe lernen müssen, auf dem Sofa zu liegen und nichts anderes zu tun, als Gedanken zu denken.“
Und augenzwinkernd neidisch bin ich auf das nette Geschenk von Patty Smith an Christoph Schlingensief am Krankenbett: Eine Mundharmonika von Bob Dylan. (Siehe meinen blog „Bobster“ vom 19. April 2009!)
Schlingensief lässt Erinnerungen an die Zeit wachrufen, als mein Schatz Beat und ich 1997/98 in Berlin gelebt und gearbeitet haben. Schon damals verfolgten wir seine Projekte und fanden sie extrem spannend.
Einmal sassen wir sogar gemeinsam mit Schlingensief an einem Tisch im Prater an der Kastanienallee! Damals konnten wir beide nicht ahnen, dass wir Jahre später an Krebs erkranken würden und unsere Wege sich kreuzen würden. Wir sind krebskrank und sagen uns du...

PS
Planen: Unser Flug nach Japan ist gebucht und die Reiseziele sind definiert!
 
"So schön wie hieer kanns im Himmel gar nicht sein!" Kiepenheuer & Witsch