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Sonntag, 25. März 2012

Normalität

Mir wird so oft bewusst, dass Normalität vor meiner Erkrankung eine andere war, als sie es jetzt ist. Vieles ist nicht mehr möglich, aber trotzdem habe ich neue Strategien gefunden, dass sich in meinem Leben Normalität einstellt. So bin ich bis auf Weiteres mit meinem Krebs unterwegs, schnell und hellhörig, damit er mich im Normalzustand des Alltages nicht einfach so abhängen kann...

Dieses Wochenende wurden wir von Pipilotti Rist zu ihrer Ausstellungseröffnung "Augapfelmassage" in Mannheim eingeladen. Es war ein wunderschöner Ausflug zu einer wunderbaren Ausstellung, Kompliment... So aussergewöhnlich kann mein normales Leben manchmal auch sein! 

Meiner Freundin (und Auftraggeberin) ein Dankeschön für die wohltuende Augapfelmassage!


 






Samstag, 19. November 2011

Dylan Revisited

Am Bob Dylan Konzert vor einem halben Jahr wurde mir erstmals bewusst, dass ich beim Gehen Gleichgewichtsstörungen hatte: Ich steuerte in die eine Richtung und torkelte in die andere Richtung.
Kurz darauf die Diagnose, dass sich in meinem Kleinhirn Metastasen gebildet haben. Anlass, mit dem Schlimmsten zu rechnen. Ob ich mich jemals wieder erholen würde, stand in den Sternen... Mir schien es unvorstellbar für die nahe Zukunft Pläne zu schmieden.
Dann wurde für den November 2011 ein Doppelkonzert mit Bob Dylan und Mark Knopfler in Zürich angekündigt. Mein Liebster kaufte Tickets und meinte trotzig, er würde mich auch im Rollstuhl ins Konzert karren. Denn: Es sei schliesslich so, dass wir seit 2002 Dylans Konzerte besuchen, Krankheit hin oder her.

Am Mittwoch war es dann soweit. In äusserst stabilem Zustand - nicht mit Rollstuhl, aber sicherheitshalber mit meinem Stock ausgerüstet - kam ich in den Genuss eines eindrücklichen Auftritts des "Grand Senior" und seiner starken Band.
Nach der Hälfte des Sets konnte uns nichts mehr auf unseren Sitzplätzen halten. Mit vielen anderen stürmten wir von den hinteren Rängen nach vorne, um möglichst nahe am Geschehen zu sein. Es hat sich gelohnt!

Jetzt heisst es wieder einmal für mich:
Auf bald hoffentlich, bis die "Never Ending Tour" wiederkehrt!


Die "Never Ending Tour" 2011 in Zürich (siehe auch blog's: "Bobster" vom 19. April 2009, "Bobster 2010" vom 20. Juni 2010, "Schwindelerregend" vom 2. Juli 2011)






Sonntag, 30. Oktober 2011

Auf Wanderwegen

Im herbstlichen Licht liess ich vergangene Woche meine Augen während ausgiebiger Spaziergängen über die gelbverfärbten Lärchenwälder und verschneiten Bergspitzen des Engadins streichen. Zusammen mit meinem Liebsten verbrachte ich einige erholsame Ferientage in Vnà.




Langsam ging es über Stock und Stein bergauf und bergab. Zu meiner Verwunderung schaffte ich täglich jeweils über 10 Kilometer! Muskelkater inklusive... Solange der Untergrund der Wanderwege genügend hart und breit war, hatte ich keine Probleme mich mit Hilfe meines Stockes fortzubewegen.




Doch auf dem weichen Untergrund einer Wiese schien mein Fuss den Kontakt zur Kommandozentrale meines Hirns verloren zu haben.
Eine Ermüdungserscheinung? Ziemlich verärgert versuchte ich dem Einknicken meines Fusses Einhalt zu gebieten. Erfolglos, die Botschaft konnte nicht weitergeleitet werden. So retteten wir uns auf einen grossen Stein. Mit der Landkarte orteten wir die verschneiten Bergspitzen rundherum: Piz Ajuz, Piz Dadora, Piz Dadaint...




Nach dieser Pause konnte mein Fuss den Kontakt zur Kommandozentrale wieder lückenlos aufnehmen. Mein Fuss gehörte wieder mir und so zottelten wir gemütlich weiter.


Samstag, 2. Juli 2011

Schwindelerregend

Als wir am späten Samstagnachmittag im Hotel Hyatt Regency in Mainz einchecken wollen, ist unser Zimmer leider noch nicht bezugsbereit! Bei einem Getränk auf Kosten des Hauses machen wir es uns in der Lounge gemütlich und warten.
Plötzlich fährt ein schwarzer Bus mit der silbergrauen Beschriftung BEAT THE STREET vor den Eingang des Hotels. Bei der Rezeption macht sich eine erhöhte Geschäftigkeit breit...
Könnte es sich um einen Tourbus von Bob Dylan und seiner Entourage handeln? Einen Blick auf Bob würde uns über den verspäteten Zimmerbezug in der Edelherberge hinwegtrösten...

Nach 40 Minuten beziehen wir dann endlich unser Zimmer "mit Sicht auf den Rhein". Der wartende Bus steht noch immer vor dem Hoteleingang, direkt unter unserem Fenster. Während wir nun geduldig auf unser Handgepäck warten, beobachten wir, wie die Hotelboys mit grossen Handwagen Kofferberge zum Bus karren. Dann werden alle Lucken geschlossen und der Bus rollt davon.
Nun findet schliesslich auch unser Gepäck den Weg ins Zimmer.

Eine Stunde vor Konzertbeginn warten wir zusammen mit vielen anderen BesucherInnen eng aneinanderstehend auf den Auftritt des alten Herrn und seiner Band. Schmerztabletten hatte ich bereits im Vorfeld eingenommen.
An meinen Liebsten gelehnt und oft auf Zehenspitzen stehend erlebe ich einen entspannten und gut gelaunten Bob Dylan. Mit seiner Band spielt er sich während zweier Stunden durch Stücke aus den verschiedensten Werkepochen.
Und mit einer sehr schrägen und ganz tollen Version von "Blowing in the Wind" entlässt er uns in die Dämmerung. Seine Band stellt er diesmal nicht vor, dafür verneigen sich am Schluss alle brav vor dem Publikum und Bob lüftet kurz seinen schwarzen Hut.
Dann stolpere ich am Arm meines Mannes - leicht schwindlig - über die Wiese. Vor unseren Augen rollt ein schwarzer BEAT THE STREET-Tourbus mit abgedunkelten Scheiben langsam vom Konzertgelände!
Also doch...

Ist B.D. nun drin oder nicht!? Mainz 2011






Sonntag, 17. April 2011

Zum Dritten

Im Vorfeld des Marathons erreichten mich viele aufmunternde und motivierende Zeichen via Mail, Postkarten und SMS meiner mitfiebernden FreundInnen. Meine Beine konnten es deshalb kaum erwarten endlich loszurennen...

Aller guten Dinge sind drei! So startete ich etwa drei Monate nach Abschluss meiner dritten Chemotherapie mit drei Schmerztabletten ausgerüstet an meinem dritten Zürich Marathon 2011.
4 Stunden 11 Minuten 34 Sekunden und 3 Zehntelsekunden später erreichte ich - 3 Schmerztabletten intus gegen meine rebellierende Knochen-metastasen - das Ziel und landete in meiner Kategorie auf Rang 32. Die Ausschüttung von Glückshormonen war beachtlich und hält noch immer an! Die Drei scheint tatsächlich heute meine Glückszahl, ist doch die Quersumme aller relevanten Daten eine Dreierzahl...

Mit meinen "Fans", die mich an der Strecke und auf den letzten hundert Metern vor dem Ziel unterstützt hatten, feierten wir den gelungenen Marathonlauf. Bei einem gemeinsamen Spaghettiessen und Meringues mit Schlagrahm füllten sich die Kohlehydratspeicher wieder auf! Herzlichen Dank an den Coach und Koch.
Ein herzliches Dankeschön auch an alle, die ihr mich vor und am Marathon unterstützt habt!
Eure schnellste Marathon-Krebsläuferin aller Zeiten
Irene


 
 


Sonntag, 20. März 2011

Während ich schlief

Wenn nötig mache ich jeweils am Nachmittag ein Nickerchen, um meine entladenen Batterien wieder aufzuladen.
So auch an diesem Samstagnachmittag, als ich mich auf unserem neuen "Notbett" einem ausgiebigen Nachmittagsschlaf hingebe, während mein Liebster auf der Tastatur meines Notebooks den Audio-Background liefert. Tipp, tipp, tipp...

Bis ich wieder erwache rücken die Zeiger der Uhr eine ganze Stunde vor. Noch ein wenig schlaftrunken gucke ich meinem Liebsten über die Schultern auf den Bildschirm. Er hat, während ich schlief, auf meinem Desktop eine Überraschung hinterlegt.
Und was für eine! Schnell kann ich einen neuen Ordner mit dem Namen "Bob Dylan" ausmachen. Darin befindet sich die Bestellbestätigung für 2 Tickets an das Konzert vom Bobster im Juni in Mainz.

Die Wahl des Hotelzimmers überlässt er mir. Wir buchen ein Zimmer mit Ausblick auf den Rhein. Diesen werde ich während meiner nächtlichen Schlafstörungen und Schweissausbrüchen sicher angenehm zu schätzen wissen. Ich freue mich riesig auf diese Perle!






Samstag, 20. November 2010

Strahlen 1

Am Abend vor meiner Chemotherapie entspanne ich mich zusammen mit meinem Liebsten an einem Konzert von Scout Niblett im Clubraum der Roten Fabrik. Ihre Songs sind minimal instrumentiert: Scout begleitet sich mit zarten bis schroffen Riffen auf ihrer Gitarre, manchmal untermalt von den kräftigen Beats des Schlagzeugers Daniel Sigmund Henry Wilson. Eine laute Stratocaster unter Strom. Eine sympathische, zu Beginn des Konzertes äusserst konzentrierte und zurückhaltende Persönlichkeit, die sich im Verlauf des Konzertes immer mehr öffnet und auch ihre witzigen Seiten zeigt. Am Ende ist die Scheuheit ganz verflogen, die zwei Weingläser, die sie zu Beginn auf ihrem Gitarrenkoffer platziert hatte, sind leer und es kommt zu kleinen Interventionen zwischen ihr und dem Publikum. Ein Song beeindruckt mich sehr. Scout trägt ihn am Schlagzeug vor, das sie voller Energie bearbeitet: We're all gonna die but we don't know when and where. So einfach ist es. Thanks, Scout!

Shining Scout Niblett
, Zürich 2010






Samstag, 9. Oktober 2010

On The Road

Wieder einmal steht ein Highlight auf unserem Reiseplan: NYC!
Mein Liebster und ich, wir gönnen uns einige Ferientage in New York City. Ich habe mir vorgenommen meine Gedanken an meine Metastasen und Chemotherapie zu Hause zu lassen! Das ist natürlich nicht so einfach, denn in meinem Gepäck reisen vorsichtshalber meine Little Helpers (Schmerztabletten) mit und in meinen Reisedokumenten liegt ein Schreiben meines Krankenhauses, dass ich Trägerin eines endoffenen Katheters bin...


 



Sonntag, 11. Juli 2010

Patti Smith

Ich sammle "kleine" kostbare Perlen, die ich liebevoll zu meinem Leben aneinanderreihe.
Das Patti Smith Sommerkonzert am See in der Roten Fabrik formte sich zu einer solchen.

Patti Smith hat sich ihre Intensität und Glaubwürdigkeit auch noch mit 63 Jahren bewahren können. Das ist eine Leistung, die mich an diesem Abend sehr beeindruckt hat. Die singende Poetin vermag immer noch das Publikum zu begeistern. Gemeinsam mit ihrer Band rockt sie mit uns durch den Sommerabend: zerbrechlich, nachdenklich, euphorisch, intensiv. Dazwischen immer wieder kleine, feine politische, persönliche oder psychedelische Ansagen an das hingerissene Publikum.

Patti Smith glaubt an das Gute im Menschen. Ihre Art und Erscheinung ist sympathisch, ungekünstelt. Ihr Engagement ist ehrlich und spiegelt sich auch in ihrer Arbeit.
"Just a lovely person", wie sich unser kanadischer Freund W. immer wieder über sie äussert: Einfach ein lieber Mensch.
In ihrem neusten Buch "Just Kids" schildert sie zärtlich, offen und mit feinem Humor die bewegende Geschichte ihrer Freundschaft mit Robert Mapplethrope und das Leben als Künstlerin im New York der frühen siebziger Jahre. Auch hier ist so viel von dieser "lovely person" zu spüren. Ihr Buch hat mich sehr bewegt und meine Erinnerung an ihr Konzert liegt als kostbare Perle in meinen Händen...
 
"Just Kids" 2010 Kiepenheuer & WitschPatti Smith, Zürich 2010






Sonntag, 20. Juni 2010

Bobster 2010

Während der letzten drei Wochen verzichtete ich unfreiwillig auf meine Läufe, doch zeigten sich erste Entzugserscheinungen! Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich in der Wohnung erste Renn-Versuche unternahm. Sie waren erfolgreich und schmerzlos, was bei den möglichen Distanzen nicht erstaunt...
Doch bevor ich mich endgültig dazu entschliesse, mein gewohntes Training über kleinere Distanzen wieder aufzunehmen, wollte ich mein "muskuläres Problem" (wie sie so schön an der WM sagen) einer standfesten Belastungsprobe unterziehen: beim Konzert von Bob Dylan und seiner Band.

Gegen meine Rückenschmerzen schluckte ich vorsätzlich eine kleine, weisse Schmerztablette. Diese würde im Notfall auch gegen auftretende Hüftschmerzen wirken!
Die Belastungsprobe begann gestern um 18:30 Uhr und endete kurz nach 22:00 Uhr!
Wir standen:
1/2 Stunde vor der Türöffnung im Regen und warteten auf Einlass.
1 1/2 Stunden vor Konzertbeginn vor der Bühne, um unseren optimalen Stehplatz besetzt zu halten.
2 Stunden mit Hunderten von anderen Menschen in der vollbesetzten Messehalle von Dornbirn und verfolgten das Konzert von "Bobster" und seiner Band. Der alte Herr war magisch und für einmal sogar richtig übermütig. Er lächelte viel und schien die Show zu geniessen. Es war ein Highlight!
Überglücklich und zufrieden verliessen wir nach dem Konzert das "Testgelände".

Meine Oberschenkelmuskeln überstanden diese Belastungsprobe äusserst erfolgreich. Ein weiterer Erfolg: Zum dritten Mal seit meinem Schwur von 2007 (siehe blog „Bobster“ vom 19. April 2009) konnte ich gemeinsam mit meinem Mann ein weiteres Konzert dieses rastlosen Musikers erleben.
Einmal mehr beobachtete ich die Fenders, Gretschs, Rickenbackers der Gitarristen und genoss meinen kleinen persönlichen Triumph über den Krebs und meine wiedererlangte Muskelkraft mit jedem Auf- und Abwippen meines Körpers!

"Grand Senior", Dornbirn 2010






Sonntag, 11. April 2010

Running with Cancer

Knapp fünf Monate nach meiner letzten Chemotherapie rannte ich heute den Zürich Marathon in einer Zeit von 4h 22min 58.9sec! Ein Grund zum Feiern! In meiner Kategorie erreichte ich Rang 34. Bin unheimlich stolz!

Am Start!


 




Sonntag, 31. Januar 2010

BRUSTfreundinnen

Schon sind wieder drei Wochen seit meiner letzten Glücksgabe vergangen und die nächste steht mir erneut bevor. Die Zeit zwischen den Abgaben vergeht schneller als mir lieb ist. Ich nutze sie unter der wetterbedingten Nebeldecke mit Joggen im tief verschneitem Umland von Zürich. Manchmal suche ich zusammen mit meinem Liebsten nach der Sonne über der Nebeldecke. Viele schöne Momente verbringe ich im Atelier am Arbeiten - mit den nötigen Ruhephasen dazwischen. Und immer wieder finde ich Zeit, mich mit FreundInnen zu treffen.
Wir treffen uns im nahegelegenen Piazza, im Gasthaus zum Glück, zu Hause bei einer Freundin oder im World Wide Web!
In der facebook-Gruppe "Rosa Schleife — Brustkrebs hat ein junges Gesicht" (Motto: Trotze, so bleibt dir der Sieg, Friederich Hebel), tauschen Frauen sich gegenseitig aus.
Es sind Betroffene zwischen zwanzig bis vierzig und mehr Jahren. Taucht ein Neumitglied mit seinem Krebskummer auf der Plattform auf, reagieren andere Mitglieder mit aufmunternden Worten und viel Lebensmut. Blubb, Blubb fügt sich so Dialogsprechblase zu Dialogsprechblase aneinander... Erfrischend und ohne Umschweife werden Tipps und Erfahrungen ausgetauscht.
Zwar liege ich weit über dem Durchschnittsalter der Userinnen, einige der Frauen zähle ich inzwischen dennoch zu meinen aufmerksamen Blogleserinnnen.
Das freut mich sehr!
An dieser Stelle ein liebes Hallo und herzliches Dankeschön an euch Frauen von der Rosa Schleife!
 
Pink Ribbon, Japan 2009






Sonntag, 13. Dezember 2009

Schön, ich bin wieder da!

Letzten Sonntag am ersten Advent war der Himmel grau, ein Tag um zu verhängen. Gemeinsam mit Freundin M. sinnieren wir einen Nachmittag lang bei einem Grüntee über dies und das und erzählen von unserer Japanreise. Dabei vergeht die Zeit im Fluge.
Als mein Liebster und ich schliesslich in Richtung Neumarkt ("Theater fürs Establishment") aufbrechen, sind wir bereits zu spät, um pünktlich in die Vorstellung "Sterben lernen!— Herr Andersen stirbt in 60 Minuten" von Christoph Schlingensief zu gelangen. Aber wir haben Glück und können uns noch kurz vor dem Kunsthaus der feierlich-andächtigen Prozession von Akteuren und Publikum anschliessen, die sich in Richtung Schauspielhaus bewegt.
Es wird ein intensiver Theaterabend, trotz verpasstem ersten Teil. Schlingensief konfrontiert uns mit philosophischen und eigenen Zitaten zum Thema "Sterben lernen", mit stimmigen Szenen, Bildern und Tönen. Der (krebskranke) Regisseur sprüht vor Energie inmitten seiner Akteure und seiner Inszenierung, brillant. Ich tauche ab und ein — mit meinem Gehör und meinen Augen!
Nach der Vorstellung bin ich unendlich glücklich und begeistert. Ich fühle und denke mir: "Schön, ich bin wieder da! Jetzt, in diesem Moment!"
Denn mein Körper hat für einmal wieder Pause, Chemotherapiepause, und erholt sich tagtäglich und lässt mich wieder mit Energie und Ausdauer am Leben teilhaben.

In dieser Woche fügte sich eine Perle zur anderen. Der schöne Nachmittag, der Besuch im Theater, ein neues Arbeitsprojekt, gemütliche Abende mit FreundInnen, und letztendlich bin ich heute den Silvesterlauf 2009 gelaufen...
Der verloren gegangene Zustand von Normalität kehrt in mein Leben zurück. Festhalten will ich sie, diese Glücksmomente — und hoffe, dass sie mir noch lange erhalten bleiben...






Dienstag, 13. Oktober 2009

Tokyo

Viel in der U-Bahn unterwegs. Stille, kein Drängeln beim Einsteigen. Die Köpfe stecken über den Mobildisplays oder es wird mit Vorliebe während der Fahrt geschlafen. Nur die Stimme aus dem Off, die sich bedankt und die nächste Station ankündigt...
So ruhig mir hier die Menschen in gewissen Situationen auch erscheinen der Soundpegel in den Geschäften ist schrill, laut und manchmal werden die Gehörgänge arg strapaziert! Freundlich, schrill und farbig ist das Leben in Tokyo. Obwohl wir kein Japanisch verstehen und viele JapanerInnen, wenn überhaupt, nur wenig Englisch sprechen, begegnen wir uns gegenseitig offenherzig.

Dann kommt Taifun Melor und lässt die Tokyoterinnen farbige Gummistiefel tragen. Transparente und andere Schirme prägen das Stadtbild.
Bevor man ein Geschäft betritt stülpt man dem Schirm eine Plastikhülle über. Manchmal erledigen das auch sonderbare Maschinen für die Schirmbesitzer.
Man kann den Schirm aber auch sorglos im Schirmständer oder in einem Schirmschliessfach deponieren — der Schirm wartet an Ort und Stelle auf seine Besitzerin.

Der Taifun beschert uns eine unfreiwillige Reiseplanänderung. Kamakura ist wegen des Taifuns mit dem Zug nicht errreichbar. Der grosse Buddha von Kamakura, genannt Daibutsu, will uns an diesem Tag einfach nicht empfangen, wie mein Liebster meint...
So sitzen wir mit vielen (schlafenden) JapanerInnen im stehenden Zug. Auf dem Bahnsteig geschäftig umher zirkulierende Zugsbegleiter, aus den Lautsprechern für uns unverständliche wiederkehrende Durchsagen – Stillstand. Wir warten weiter.


Am nächsten Tag strahlender Sonnenschein. Jetzt sind wir bereit für den Daibatsu und die vielen Tempel und Schreine!







Sonntag, 4. Oktober 2009

Nimotsu*

Die kleinen Berge von Unerledigtem sind nun abgetragen. Die Reiseutensilien sind in unserem Gepäck verstaut. Wir reisen im XS Format: je ein kleines Handgepäck und je ein kleines Gepäckstück zum Aufgeben. Eigentlich könnte unsere Reise bereits heute schon beginnen.
In meinem Atelier gibt es neuen Freiraum: leere Tischflächen, die von unseren beiden Katzen genüsslich in Beschlag genommen werden. Da und dort (aber immer woanders) erheben sich pelzige, atmende Berge. Selbst der Abfalleimer wird okkupiert. Frei nach dem Motto: Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse..
.

So bleibt uns heute noch viel Zeit, um mit M. zusammen im Piazza am Idaplatz ein letztes Mal einen Latte Macchiato zu schlürfen und in die herbstliche Sonne zu blinzeln.
Unserer Freudin M., die während unserer Abwesenheit zusammen mit unseren Katzen in unserer Wohnung leben wird, schon vorab vielen Dank oder eben auf japanisch arigatô gozaimasu!

Nur ein Berg wäre noch zu erwähnen, der irgendwo ziellos als Sorge in meinem Kopf umherirrt:
Der Buchstabenberg, abgefasst in einem Bericht mit Sichtweisen und Deutungen des CTs und des Röntgens von letzter Woche. Dieser Bericht spricht teilweise eine andere Sprache als der "unspezifische" sinkende Tumormarker! So trage ich den Bericht huckepack mit mir herum und halte mich aber an den guten Werten des Tumor Markers fest und hoffe, dass die in Japan neu gewonnenen Eindrücke "meinen Berg" vorübergehend im Dunstkreis von Zeit und Reisefreude verblassen lässt... Nächstes Mal aus Tokyo!

 
*Gepäck






Sonntag, 13. September 2009

Konnichiwa

In der vergangenen, chemofreien Woche erholte ich mich gut und widmete mich u.a. unserem gemeinsamen Reisetraum, der von Tag zu Tag näher rückt. Virtuell bereiste ich wie schon einige Male zuvor „das Land der aufgehenden Sonne“. Das ist nicht immer einfach, denn ich verstehe kein Japanisch, und wenn überhaupt vielleicht nur die paar Worte, die man in jedem Reiseführer finden kann. Japans verschiedene Schriftarten haben unterschiedliche Funktionen und werden in Alltagstexten parallel verwendet.
Bestimmt werde ich in diesem Leben als vergessliche Chemotherapiepatientin nicht mehr Japanisch lernen. Aber wer weiss, vielleicht komme ich ja in einem anderen Leben als Japanerin zur Welt?
Es ist seltsam, nicht zu wissen wie man seinen eigenen Namen (jp. namae) schreibt und ausspricht. So haben wir
eine Bekannte, die Japanerin ist, darum gebeten, unsere Namen und unsere Berufe in Japanisch aufzuschreiben. Damit ich diese in unsere eigens von mir für die Reise entworfenen Visitenkarten (jp. Mishi) übernehmen kann.
Mein Vorname und Name schreibt sich so: イレ
ーヌ・ガッティカー

Aus den Büchern entnehme ich, dass das soziale Verhalten in Japan sich in sehr vielen Punkten von unserem unterscheidet. So erfolgt die Übergabe einer Mishi mit beiden Händen und anschliessendem Verbeugen. Es scheint mir unvermeidlich, dass wir Ausländer (jp. Ganijin) während unserer Reise durch Japan in unzählige Fettnäpfchen treten werden, was unsere Vorfreude aber keinesfalls mindert!
 
Japan-netsu...






Sonntag, 30. August 2009

Purpurbunt

Sie erinnern sich vielleicht an meinen Blog „Der Himmel ist purpur“? Meine Arbeit, die ich dabei erwähnte, ist nun fertig: Für die Künstlerin Pippilotti Rist gestaltete ich zwei Bildtapeten. Sie hängen jetzt an den Wänden der Galerie Hauser&Wirth in Zürich. Diese Ausstellung ist eine Gelegenheit in den Farbreigen von Pipilotti Rist einzutauchen. In ihr Traumwohnzimmer mit „unseren“ bunten Bildtapeten an den Wänden, riesigen Filmstills, pochendem Sound, wirbelndem Licht! In Vorfreude auf ihren ersten Spielfilm Pepperminta, der ab 10. September 2009 in den Schweizer Kino's zu sehen ist.


Mit purpurbuntem Dank an Pipilotti und das ganze Rist-Team für die gute Zusammenarbeit! Eure Mitkollaborateurin Irene
 
Pipilotti Rist mit Druckmuster u. a. / NZZ am Sonntag






Sonntag, 19. Juli 2009

Der Himmel ist purpur

Eine produktive chemofreie Woche liegt hinter mir! Meine Schmerzen konnte ich mit meinen „little helpers“ gut in Schach halten, so dass ich nur wenige Gedanken an meine Metastasen und Krebszellen verschwenden musste und mich so mit anderen Dingen befassen konnte.
Die chemofreie Woche lässt mich sogar ein wenig übermütig und hyperaktiv werden. Einfach himmlisch!
Seit Mittwoch beschäftige ich mich intensiv mit der Farbe Purpur: Wenn ich im Tempo einer Purpurschnecke langsam des Weges jogge (war vor der Chemo um einiges schneller!) oder an einem gestalterischen Arbeitsauftrag virtuell durch überlebensgrossse, purpurfarbene Tulpenfelder schlendere.
Die Farbe Purpur und die mit ihr verwandten Farben Fuchsia, Magenta, Pink, Rosa, Mauve und Violett begleiten und beflügeln mich von Tag zu Tag. Meine Lust auf pinkfarbene Lebensmittel ist nach wie vor ungebrochen.
Ja, manchmal ist der Himmel einfach nur purpurfarben!
 
Detailansicht: © Pipilotti Rist
in collaboration with Irene Gattiker







Sonntag, 5. Juli 2009

Le tapis volant

Nachdem ich mich in der letzten Woche von meiner hartnäckigen Erkältung erholt hatte, steht einer erneuten Chemotherapie nichts mehr im Wege. Nach meinem Arztgespräch beziehe ich wie schon viele Male zuvor im Ambulatorium eine von sechs Liegen. Die mit klarblauem Kunstleder überzogenen Liegen erinnern mich atmosphärisch an Szenen aus dem Film Raumpatrouille Orion...
Bevor ich es mir auf der Liege
gemütlich mache, wechsle ich in bequeme Schlampenlook-Klamotten. Schliesslich handelt es sich hier nicht um einen halbstündigen Zahnarztbesuch, sondern um eine mehrstündige Sitzung, die sich bis in den frühen Abend hinziehen kann. Dann bedecke ich die Liege mit einem Badetuch, um zu verhindern, dass ich auf der Liege übermässig ins Schwitzen komme und nach mehreren Stunden mit durchgeschwitztem Hosenboden von der Liege rutsche. Pflegefachfrau L. G. nannte mein Badetuch unlängst: „Der fliegende Teppich von Frau Gattiker!“ Und so starte ich mit meinem fliegenden Teppich in eine neue Taxol-Weekly.

Rückblickend eine wunderbare Sommerwoche, in der ich meinen Geburtstag mit meinem Liebsten bei einem Nachtessen im Bederhof feierte, in der mich Blumen, Mails, Glückwunschkarten (u.a. mit dem ermutigenden Titel „fight it out“) erreichten und freuten, in der ich seit längerer Zeit wiederholt früh morgens durch den Uetlibergwald joggen mochte, wenn auch viel kürzere Strecken wie vor Beginn meiner Chemotherapie... Das war einfach wunderbar!
 
Badetuch by Sonnhild Kessler / „fight it out“ by Yoshitomo Nara






Samstag, 13. Juni 2009

Strawberry Fields forever

Es freut mich ganz besonders, wenn meine FreundInnen von nah und fern meinen blog verfolgen.
Diese Woche bekam ich von Feundin I. aus Hamburg ein kleines Packet mit einem schönen Brief, der mich sehr berührte, Kinderzeichnungen und vielen rosaroten Aufmerksamkeiten zugeschickt. Unter anderem „Erdbeerleckereien“, Schokolade mit Erdbeerkokosgeschmack, Erdbeerticki... (Siehe meinen blog „Weekly“ vom 24. Mai 2009)
Gleichentags traf ich meine Freundin M. beim Einkaufen. In ihrem Einkaufskorb lag eine Schale mit Erdbeeren für selbstgemachtes Erdbeereis, welches sie für mich zubereiten wolle. Mensch Erdbeere, werde ich verwöhnt! Und dies in einer Woche ohne Chemotherapie und keinen Termin im Krankenhaus. Normalität im Alltag, die ich sehr genossen habe. Am Montag geht es in die nächste Chemorunde.