Sonntag, 3. April 2011

Platz 13

Ich bin eine zuverlässige Patientin, wenn es darum geht täglich die vorgeschriebenen Medikamente einzunehmen. Aber vor einem Lauf verzichte ich nun bewusst darauf, bzw. ich "vergesse" die kleinen fiesen Pillen einzunehmen. Ich geniesse den medikamentenlosen Zustand und erspare mir so auch die unliebsamen Nebenwirkungen am Lauftag. Diese Auszeit wirkt sich positiv auf meine Psyche aus. Durch die ein- oder zweimalig verweigerte Einnahme kann die Wirkung des Aromatasehemmers wohl kaum beeinträchtigt werden.

Gestern lief ich dann auch ohne Übelkeit am Zumikerlauf mit, in meiner Gesässtasche eine Schmerztablette für alle Fälle. Während des ganzen Laufes von 11.2 Kilometern trugen mich meine Beine und Knochen über Feld- und Waldwege bei frühlingshaften Temperaturen ins Ziel. Die Schmerztablette blieb unangetastet.
Vor noch nicht einem Jahr (siehe blog vom 12. Juni 2010) hätte ich viel darum gegeben, eine Schmerztablette dabei zu haben, denn damals musste ich den Lauf unter quälenden Schmerzen beenden...

Nun aber rannte ich locker und leicht und mit einer respektablen Zeit durchs Ziel. Ich klassifizierte mich in meiner Kategorie im Mittelfeld und landete auf Platz 13!
Ist das nun eine Unglücks- oder Glückszahl, ein schlechtes oder gutes Omen im Hinblick auf den bevorstehenden Marathon in zwei Wochen in Zürich?






Sonntag, 27. März 2011

Pulver verschiessen

Als mir meine Onkologin diese Woche mitteilte, dass mein TM einen kleinen Schritt angestiegen sei, schlug sie mir vor, mit Einnahme von Aromasin® fortzufahren, trotz der unliebsamen Nebenwirkungen. So gewinnen wir Zeit, denn mit jedem Medikament, das gegen meine Tumoraktivität eingesetzt wurde, schwindet das Angebot von den zur Verfügung stehenden Therapiemöglichkeiten. Zum jetzigen Zeitpunkt auf ein anderes Medikament umzustellen würde heissen, unnötig "das Pulver zu verschiessen", so ihre Worte.

Für einen kurzen Moment purzeln in meinen Gedanken explosionsartig Hunderte von Aromasintabletten im Konfettireigen durch die Luft!

In Zeiten wie diesen, wo wir täglich mit Berichterstattungen über bürgerkriegsähnliche Zustände in Lybien und dem Kampf gegen die Atom-Katastrophe von Fukushima konfrontiert werden, scheint mir die Verwendung von Begriffen aus dem Kriegsvokabular, die im Zusammenhang mit Krebs verwendet werden, irgendwie noch absurder, als ich sie schon sonst empfand.
Betroffene sagen dem Krebs in unterschiedlichsten Variationen den Kampf an und die ÄrztInnen planen für uns Betroffenen die wirkungsvollsten Kampfstrategien mit der richtigen Wahl aus ihrem Waffenarsenal.
Nein, weder kämpfe ich noch führe ich einen Krieg gegen den Krebs! Ich habe mich seit Ausbruch meiner Krankheit dazu entschlossen, mit Krebs in einer Koexistenz zu leben. Mal besser, mal schlechter...

PS: Um das Vokabular zu vervollständigen: Nebenwirkungen sollte man konsequent als "Kollateralschäden" bezeichnen...






Sonntag, 20. März 2011

Während ich schlief

Wenn nötig mache ich jeweils am Nachmittag ein Nickerchen, um meine entladenen Batterien wieder aufzuladen.
So auch an diesem Samstagnachmittag, als ich mich auf unserem neuen "Notbett" einem ausgiebigen Nachmittagsschlaf hingebe, während mein Liebster auf der Tastatur meines Notebooks den Audio-Background liefert. Tipp, tipp, tipp...

Bis ich wieder erwache rücken die Zeiger der Uhr eine ganze Stunde vor. Noch ein wenig schlaftrunken gucke ich meinem Liebsten über die Schultern auf den Bildschirm. Er hat, während ich schlief, auf meinem Desktop eine Überraschung hinterlegt.
Und was für eine! Schnell kann ich einen neuen Ordner mit dem Namen "Bob Dylan" ausmachen. Darin befindet sich die Bestellbestätigung für 2 Tickets an das Konzert vom Bobster im Juni in Mainz.

Die Wahl des Hotelzimmers überlässt er mir. Wir buchen ein Zimmer mit Ausblick auf den Rhein. Diesen werde ich während meiner nächtlichen Schlafstörungen und Schweissausbrüchen sicher angenehm zu schätzen wissen. Ich freue mich riesig auf diese Perle!






Sonntag, 13. März 2011

Aus dem Lot

Letzten Freitag renne ich durch die Strassen der Stadt, über einen Teppich von vielfarbigen Papierkonfetti.
Im Wald angekommen kitzelt mich der üppig riechende Bärlauch in meinen Nasenflügel. Frühlingsdüfte überall! Und ich kann sie riechen.
Bei Kilometer 3.5 kreuzt ein Eichhörnchen meinen Weg und flüchtet vor mir über am Boden liegendes Tannenreisig, bewegt sich vertikal einen Baumstamm entlang in schwindelerregende sichere Höhe zum Ende des Wipfels. In gewohntem Tempo bewege ich mich in horizontaler Richtung weiter Kilometer für Kilometer.

Anderswo bebte zu dieser Zeit die Erde. Ob vertikal oder horizontal, vieles brach auseinander und liess manchem Menschen keine Fluchtmöglichkeit mehr... Wie ich über Facebook erfahre, sind alle unsere Freunde in Japan wohlauf.






Samstag, 5. März 2011

Gedopt!

Meine Onkologin Dr. St. meint, dass ich eine Unverträglichkeit gegen das steroidale Exemestan (Aromasin®) haben könnte.
Begriffe wie Steroide, steroidal, nicht-steroidal lassen mich als Hobby-läuferin aufhorchen und rufen in mir Bilder von Muskelprotzen, Muskelpaketen und "Bitch-Tits" wach.
Aromasin® und Femara® sind gemäss aktueller Dopingliste, Arzneimittel die sowohl im Wettkampf als auch ausserhalb des Wettkampfes verboten sind!

Es ist zu hoffen, dass mein steroidales Dopingmittel wirkt! Mein Tumor-marker zeigt diesbezüglich noch nicht in die gewünschte Richtung — er hat sich buchstäblich nach oben gedopt! Ich wünschte es wäre anders...
Frau St. beruhigt mich und meint, dass eine zusätzliche Blutentnahme zur Bestimmung des TM zeigen wird, ob das Medikament sich über längere Zeit erfolgreich entfalten kann und der TM sich beim letzten Wert schliesslich einpendeln wird...
So werde ich in den nächsten drei Wochen täglich die "üblen" Aromasin-Dragées einnehmen, um mit meiner gedopten Muskelkraft mich bald wie Wonder Woman zu fühlen...






Sonntag, 27. Februar 2011

Notbett

Lange schon haben wir auf unserer Notbett gewartet (siehe blog vom 14. November 2010). Nun wurde es endlich geliefert, unser orangefarbenes Legnoletto für schlaflose und durchschwitze Nächte... Obwohl, da fehlt doch was!? Hatten wir nicht das Modell mit niedrigem Kopf- und Fussteil bestellt? Und so warten wir erneut, diesmal auf die fehlenden Teile, die uns möglichst schnell aus Italien nachgeliefert werden sollen, wie uns das Möbelhaus versichert.

Für einmal kann ich dem Warten etwas Positives abgewinnen, da sich schliesslich alles zum Guten wenden wird. Gut Ding will Weile haben...

Warten. Ebenfalls diese Woche erreicht mich ein Schreiben der SVA (siehe blog vom 09. Januar 2011), in welchem mir eine unveränderte Rente bescheinigt wird. Meine schwarzen Gedanken und Gefühle sind vorübergehend grau...

Legnoletto, Design Alfredo Häberli



Sonntag, 20. Februar 2011

Höhenluft

Mit halb wachem Geschmacksknospen und mässigem Appetit verbrachte ich mit meinem Liebsten zwei wunderbare Tage in den Bergen des Engadins.
Wir genossen und spazierten über die mässig verschneite Umgebung Lavins. Gönnten unseren müden Glieder immer mal wieder ein Entspannungs- oder Harmoniebad und liessen unsere leeren Energiespeicher wieder mit regionalen kulinarischen Spezialitäten auffüllen...

Zuhause überraschte mich eine Postkarte aus Westafrika mit den "Kintampo Falls". Meine Verwandte U. lebt mit ihrem ghanaischen Mann in der Nähe von Akkra. Sie erfuhr durch meinen blog, dass ich wieder fleissig am trainieren bin und schreibt nun: "...Solltest du ins schwitzen kommen, lass dich von dieser Naturdusche gedanklich erfrischen."
Das werde ich bestimmt!
Obwohl ich gestehen muss, dass ich wegen meiner anhaltenden Übelkeit und Appetitlosigkeit und einer zusätzlichen Erkältung während der letzten zwei Wochen absolut nicht in der Lage war zu trainieren. Dabei sind es nur noch acht Wochen bis zum Marathon...
Doch jetzt, wo ich meine Lungen mit viel Höhenluft gefüllt habe, kann ich mein Training erneut aufnehmen, denn schliesslich bin ich hartnäckig und ziemlich unverwüstlich! So hoffe ich zumindest...